290.000 Facebook-Likes, über 15.000.000 Klicks bei YouTube und nicht einmal ein Album draußen. Der Hype um Cro ist der wohl größte, den ich in Deutschland bisher so mitgekriegt habe, wenn es um Rap geht. Zwar ist Rap ein bisschen fraglich, denn Cro nennt seine Musik ja immerhin selber sogar "Raop", um zu betonen, dass es nunmal nicht nur Rap ist. Und die Kommentare auf den ganzen HipHop-Foren von wegen "Das ist doch gar kein Rap" fluten natürlich alles. Aber die gibt es bei jedem und es ist doch im Endeffekt auch egal, was das für eine Musik ist. Halt ein bisschen Rap und ein bisschen Pop. Am Ende ist es doch auch nur Musik.
Doch auch wenn ich sehr offen bin für andere musikalische Einflüsse in Rap (Tua, Casper oder auch RAF 3.0 sind großartige deutsche Musiker, die alle längst nicht nur Rap machen), konnte ich Cro's Musik nie besonders leiden. Ja, "Easy" ist noch ganz ok, und ja, die Lieder haben einen gewissen Unterhaltungsfaktor. Aber so langsam ist auch mal gut mit der Anhimmelung. Es ist ja gar nicht so, dass ich Cro irgendetwas vorwerfe, viel mehr kann ich die Leute nicht verstehen, die ihn so übertrieben feiern. Falk, ein anerkannter HipHop-Journalist hat doch ernsthaft eine Runde aus Cro und einigen anderen Newcomern (Olsen, Kayn Bock, Ahzumjot, eou, Rockstah) einberufen mit dem Titel "Neue Reimgeneration". Wollt ihr mir ernsthaft verkaufen, dass Cro irgendwie etwas Neues geschaffen hat?
Es mag ja sein, dass die Musik, die Cro macht, in Deutschland so noch nicht sehr präsent ist, aber in Amerika tönt "Raop" schon seit Jahren aus den Lautsprechern. Leute wie B.o.B, Wiz Khalifa, Chiddy Bang und irgendwie auch Mac Miller machen schon sehr viel länger solche Musik als Cro. Und "Gute-Laune-Musik" hat der Junge ja wohl auch nicht erfunden.
Ich versuche im Folgenden, zu erklären, warum ich den Hype um Cro überhaupt nicht nachvollziehen kann. Ohne ihn dabei mit anderen Musikern zu vergleichen, denn wenn wir ehrlich sind, spielt Cro was die Technik angeht ohnehin noch lange nicht oben mit. Außerdem werfe ich ihm direkt nichts vor, ich respektiere Cro und seine Musik und er soll ruhig weitermachen, ist mir relativ egal, ich muss es ja nicht hören, aber mir gefällt einfach der Umgang mit seiner Musik nicht besonders. Und ja, Musik ist Geschmacksache. Und nein, man kann sie nicht objektiv beurteilen. Ich will es jetzt trotzdem tun. Einfach nur, weil es mich langsam wirklich nervt.
Zunächst einmal ist zu Cro zu sagen, dass er keine großartige Themenvielfalt aufweist. Schön und gut, soll kein Problem sein. Es hat ja niemand das Recht, ihn dazu zu zwingen, vielseitig zu sein. Außerdem gibt es genügend Musiker, die immer in dieselbe Kerbe schlagen und für die man dann also eine ganz besondere Laune braucht, um sie hören zu können. In diesen Momenten kommt einem dann die Musik wie das Größte vor, was jemals geschaffen wurde, sonst passt sie einfach gar nicht.
Und da die meisten Leute jedoch meistens gute Laune haben oder auch einfach oft versuchen, solche durch Gute-Laune-Musik zu erzeugen, findet Cro schonmal oft Gehör. Es ist halt nicht zu komplizierte Musik, die Laune macht und einfach mitzusingen ist. Auch daran gibt es ja soweit nichts zu meckern. Musik wie diese kann sehr unterhaltsam und witzig sein. Kann uns wochenlang nicht aus dem Kopf gehen und immer wieder dafür sorgen, dass wir alle Probleme vergessen und es uns zumindest für einen Moment einfach mal gut gehen lassen.
Aber dafür steckt hinter der Musik von Cro einfach viel zu wenig. Seine Stimme ist extrem dünn und kann den schlaffen Beats kaum Nachdruck verschaffen. Auch das wäre kein Problem, wenn der Junge mal so richtig flowen würde.
Für die unter euch, die mit dem Wort "Flow" nicht so richtig etwas anzufangen wissen, eine kurze Definition:
"Die Art und Weise, wie der MC seine Texte auf einem Instrumental
niederlegt. Dazu zählen Stimmeneinsatz (Betonung, Lautstärke,
Authenzität), Rhythmik (Einstimmigkeit mit dem Takt), "Fluss" (Flüssiges Rappen oder abgehackt, variiert oder geradlinig)".
Besonders "Fluss" macht dabei einen guten Flow aus. Zwar wird auch Rappern, die teilweise sehr abgehackt rappen, durchaus ein guter Flow zugeschrieben, wenn sie diese Art zu rappen als Kontrast nehmen und sich ansonsten sehr flüssig auf dem Beat bewegen. Man kann es kaum beschreiben, sondern muss es hören. Ein gutes Beispiel für sehr flüssigen Flow wäre das hier:
Man merkt schon, da mitzurappen, ist gar nicht so einfach. Es erfordert eine Menge Übung und sehr ausgefeilte und auf den Beat angepasste Texte, damit man so "flowen" kann.
Bei Cro mitzurappen ist, wenn man die Texte kennt, aber keine große Kunst. Und zwar aus dem einfachen Grund, da er einen stinknormalen Flow hat. Jeder Rap-Anfänger hat diesen Flow. Wirklich gute Rapper haben eine ganz eigene Art zu rappen, setzen ihre Stimme sehr bewusst sein, haben gewisse Eigenheiten, die sie immer wieder einbringen, an denen man sofort erkennt, dass sie es sind. Und ich bin als Rapper selber jemand, der sich hin und wieder intensiv mit Flows, Reimschemen und allen anderen Techniken beschäftigt. Ich habe sogar mal ein Buch darüber gelesen. Doch sooft ich Cro auch höre, ich kann keine besonderen technischen Künste erkennen.
Aber das ist auch etwas für Kenner. Wenn ich andere Genres höre, habe ich auch keinen Plan, ob das jetzt technisch gut umgesetzt wurde. Erst heute habe ich erfahren, wie einfach man diese "Wobbler", die im Dubstep so oft eingesetzt werden, erzeugt. Es ist ein extrem simples Verfahren. Auch wenn es mir als unerfahrenem Hörer vorher sehr komplex vorkam.
Seine fehlende technische Finesse ist übrigens der Grund dafür, warum Cro auf einschlägigen HipHop-Plattformen wie 16bars.de kaum auf Gefallen stößt. Die Leute, die viel und intensiv Rap hören, wissen seine Musik kaum zu schätzen. Doch liegt das sicherlich auch an seinen Texten. Viel zu vorhersehbar sind Cro's Reime: "Denn sie ist wunderschön, schlau und nett" (Meine Musik) ich dachte sofort beim ersten Hören, dass jetzt "ins Bett" am Ende der nächsten Zeile kommt. Und, oh Wunder: "Manche wollen mit ihr nur chillen, andere wollen mit ihr ins Bett". Nicht besonders zufriedenstellend, wenn man den Song schon kennt, bevor er richtig zu Ende ist.
Aber das passiert eigentlich bei jedem Cro-Song. Denn er hat einfach nichts zu erzählen. Wenn er schon nichts Schlimmes erlebt hat, was er verarbeiten muss, dann soll er sich doch wenigstens witzige Geschichten ausdenken, seine Fantasie spielen lassen. Aber nein, man bekommt nur ganz normale Lieder von einem noch normaleren Jungen. Aber die Höhe war es ja wohl, als Cro vor ein paar Tagen bei Facebook doch ernsthaft gefragt hat, ob sich jemand ein Thema für das erste Album wünscht. Sein erstes Album! Seine erste CD, die als physischer Release in den Handel kommen wird! Jeder andere Künstler wartet jahrelang darauf und brennt nur so darauf, sein Konzept durchzuziehen, schreibt einen Song nach dem anderen, manche nehmen für ihr erstes Album sogar so viel Material auf, dass einiges noch auf dem nächsten landet, da alles trotzdem noch irgendwie erzählt werden muss.
Und es nervt mich zusehends, dass immer mehr Leute, die ihn hören, Cro wirklich als Heiland des deutschen Raps ansehen und in ihm ernsthaft Innovation sehen. Auch die ganzen YouTube-Kommentare, von wegen "Endlich mal ein Rapper, der nicht meine Mutter ficken will", zeigen doch, was ich meine: Es maßen sich einfach viele seiner Hörer an, nur wegen Cro über HipHop urteilen zu können, ihn in der Szene einordnen zu können. Würden dieselben Leute aber mal wirklich Rap hören, würden sie sehr schnell erkennen, dass mittlerweile die Rapper, die darüber texten, dass sie "Mütter ficken", nahezu ausgestorben sind. Cro markiert keinen Wendepunkt in der Rap-Szene. Er ist einfach nicht der deutsche Eminem. Mit diesen Texten und dieser Technik wird er nicht einmal der Newcomer des Jahres. Das ist nämlich MoTrip geworden. Den Award hat ihm hiphop.de verliehen. Und auch wenn ich eigentlich nicht vergleichen wollte, komme ich doch nicht drum herum. Denn Lines wie
"Ich wollte immer schon alles richtig machen, man ich hab's versucht,
doch konnte nur bestimmte Wege gehen wie eine Schachfigur.
Das Tor zum Paradies ist gleich da hinten, ich lauf' darauf zu
Bis Hoffnungen am Horizont verschwinden wie ein fahrender Zug." (Feder im Wind)
Das Tor zum Paradies ist gleich da hinten, ich lauf' darauf zu
Bis Hoffnungen am Horizont verschwinden wie ein fahrender Zug." (Feder im Wind)
oder
"Es hat gefunkt, sie war die Hübscheste im Viertel
Tätowierung rund um ihre Hüfte wie ein Gürtel." (Embryo)
Tätowierung rund um ihre Hüfte wie ein Gürtel." (Embryo)
wird man bei Cro wohl nie finden. Zumindest habe ich bei ihm noch nie bildliche Sprache bemerken dürfen. Und das stärkste Wortspiel bis jetzt war "Denn plötzlich hab' ich Fans und sie hör'n immerhin immer hin." (Immer da) - nicht schlecht, aber auch das einzige, was er in der Richtung abgeliefert hat. Würde er solche Dinger am laufenden Band raushauen, wäre die Einschätzung der Öffentlichkeit vielleicht gerechtfertig.
So aber wirklich nicht, sorry.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen