Heute ist der 1.1.2012. Schon wieder ist ein Jahr vergangen. Und in meinem zugegebenermaßen noch kurzen Leben stellt 2011 das wohl ereignisreichste Jahr dar, das ich bislang erleben durfte. Dabei rede ich nicht davon, was in der großen Welt passiert ist, sondern vielmehr davon, was sich in meiner eigenen, kleinen Welt abgespielt hat.
2011 war das mit Abstand schlimmste und auch schönste Jahr meines Lebens. Es gab viele Ereignisse, große und kleine, die mich sehr stark geprägt haben und mich wohl noch lange begleiten werden.
Geht man hierbei chronologisch vor, ist zunächst der Auftritt meiner Rap-Formation im März zu nennen, die ich gemeinsam mit einem Freund ins Leben gerufen habe. Auch wenn die Songs aus heutiger Sicht raptechnisch doch recht dürftig waren, war es ein großartiges Gefühl, die Leute mit der Musik zu überzeugen, die man selber geschaffen hat. Mit der eigenen Stimme, den eigenen Texten, auf den eigens ausgesuchten Beats, mit der eigenen "Bühnenshow". Es tat gut, etwas Ungewöhnliches einfach mal durchzuziehen und damit sogar auf Gefallen zu stoßen. Sich nicht zu blamieren bei einem Unterfangen, mit dem wir anfangs höchstens einigen wenigen ein müdes Lächeln abgewinnen konnten.
Doch nicht nur im Rap lief es bei mir gut. Ich konnte mich in dem Orchester, in dem ich Oboe spiele, etablieren, habe wichtige Solo-Stellen gespielt und allen zeigen können, wie sehr ich mich doch verbessert habe. Den Namen des Orchesters werde ich nicht nennen. Es ist nur wichtig, dass es ziemlich gut ist. Es gibt Probevorspiele und viele Mitglieder sind Preisträger bei Jugend Musiziert. Ich übrigens auch. Wir konnten mit unserem Trio letztes Jahr im Landeswettbewerb 23 von 25 Punkten ergattern, was mich zu der Zeit auch in meinem Bestreben bekräftigt hat, Musik sogar zu studieren mit Oboe als Hauptfach.
Diese Pläne habe ich aber wieder verworfen. Lag wohl auch an dem, was im Mai passiert ist. Im schönsten Frühling wurde mein Optimismus auf eine harte Probe gestellt. Meine Mutter ist nach einjähriger Krankheitsphase an Krebs gestorben. Auf einmal hat vieles seinen Sinn verloren. Auf einmal hat nichts mehr wirklich Spaß gemacht. Ablenkung stand an der Tagesordnung. Ich war kaum noch zu Hause. Die Wohnung, in der wir mal zu dritt gelebt haben auf einmal endlos riesig und leer. Nichts war mehr interessant. Ich versuchte nur immer wieder, auszudrücken, was in mir vorging. Doch wie drückt man vollkommene Leere aus?
Dem Tod meiner Mutter folgte eine Phase, in der ich viele Menschen um mich, und vor allem auch mich selber viel besser kennengelernt habe. Ich habe erkannt, auf welche Freunde auch wirklich Verlass ist, wer für mich da ist und wer den Schwanz einzieht, wenn es drauf ankommt. Wer die Courage hat, mich in so einer Zeit noch immer wie einen Freund zu behandeln, und wer mich behandelt, als wäre ich Patient in einer Psychiatrie.
Doch in diesen zahllosen Momenten des Vermissens, des Nicht-Verstehens gab es immer noch eine Kraft, die mich dazu trieb, weiter zu machen. "Was soll man machen?" wurde zum Leitspruch dieser Zeit. Ich konnte nichts an dem ändern, was geschehen war. Das einzige, was mir also übrig blieb, war, so zu tun, als ob nichts passiert wäre und ich völlig unberührt weiter meinen Weg beschreiten könnte. Doch auch wenn es nicht immer einfach war, diesem Weg, von dem ich bis heute nicht weiß, wohin er mich überhaupt führen könnte, weiter zu folgen, haben mir viele Menschen dabei geholfen, auf der Bahn zu bleiben. Ich kann ihnen dafür gar nicht genug danken.
Dieselben Menschen machten dann auch meinen Sommer zu einem der schönsten, den ich bisher erleben durfte. Zahllose spaßige Abende an zahllosen Orten rund um meine Heimatstadt. Mit der Zeit konnte ich auch wieder zu Hause sein. Dort ging es dann weiter. Ich habe entdeckt, wie schön es sein kann, Besuch zu haben. Ich habe gelernt, den Tag, den Moment, in dem wir leben, alleine zu betrachten. Ungeachtet dessen, was gestern war und was morgen sein wird. Diese Fähigkeit hat mir massiv dabei geholfen, zu verarbeiten, wass passiert ist. Es fällt mir durch sie auch deutlich einfacher, zu akzeptieren, dass ich überhaupt keine Ahnung habe, wie sich mein Leben noch weiter entwickeln wird.
Zurzeit entwickelt es sich herrlich. Einem wunderbaren Sommer folgte eine grandiose Studienfahrt nach Griechenland, die Noten in der Schule wurden so gut wie noch nie und Ende November geschah es einfach: Auf einmal hatte ich mich verliebt. Wie es mit uns beiden weitergeht, kann ich natürlich nicht sagen, aber im Moment könnte es kaum besser laufen. Erst war sie nur eine von vielen Bekannten, dann wurde sie zu einer Freundin, wir lernten uns besser kennen, unternahmen in Grüppchen auch mal was gemeinsam, bis wir dann innerhalb von 3 Wochen von guten Freunden zu einem Paar wurden.
Und auch mein Vater ist nicht mehr alleine. Er hat mit unserer Nachbarin eine Freundin gefunden, die auch ich schon irgendwo in mein Herz geschlossen habe. Genauso wie ihre beiden Söhne. Beide mehr oder weniger in meinem Alter. Immer wenn wir zu fünft mal wieder zusammen essen (was keine Seltenheit mehr ist), kommt mir mein Leben nahezu makellos vor.
Vergessen, was im Mai passiert ist? Werde ich nie. Doch es geht wieder weiter. Und ich bin schon gespannt, was 2012 für mich bereithält.
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